Kurzinfo zur Öffentlichkeitsarbeit

Die „Grundsätze ordnungsgemäßer Insolvenzverwaltung“ (GOI) bestimmen unter Grundsatz 70, dass der Insolvenzverwalter eine angemessene aktive, professionelle Öffentlichkeitsarbeit betreibt, um die Verfahrensziele zu fördern.

‚Öffentlichkeit‘ ist von Seiten der Akteure meist nicht gewünscht

Es darf angemerkt werden, dass bei diversen hier gelungenen Sanierungen von Unternehmen mit bis zu zwanzig Mitarbeitern, zuletzt einem Autohaus, von Seiten der Geschäftsführung mehrfach der Wunsch geäußert wurde, entweder die – zuvor genehmigte – Veröffentlichung in dieser Rubrik zu löschen, weil sie dem neuen Unternehmen schaden könne, oder es wurde darum gebeten, erst keine Veröffentlichung vorzunehmen. Die insolvenzrechtliche Praxis zeigt, dass Öffentlichkeitsarbeit bei insolventen Unternehmen meist nicht die Wirkungen entfaltet, die sie entfalten soll, nämlich die Verfahrensziele zu fördern.

Schutzschirmverfahren – nur bei drohender Zahlungsunfähigkeit/Überschuldung

Heute ist das ESUG in Kraft getreten, welches ein neues Sanierungsinstrument, das Schutzschirmverfahren zur Verfügung stellt. Einen informativen, mitunter kritischen Überblick zum Schutzschirmverfahren verschafft die Broschüre „Handlungsempfehlungen für die neue Insolvenzordnung“ (PDF) verschiedener Verbände.

Ein Schutzschirmverfahren stärkt die Eigenverwaltung und ermöglicht Unternehmen und Unternehmern frühzeitig ein Sanierungskonzept zu erarbeiten, welches für alle Verfahrensbeteiligten über einen Insolvenzplan umgesetzt werden soll.

In § 270 b Abs. 1 Satz 1 InsO heißt es:

Hat der Schuldner den Eröffnungsantrag bei drohender Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung gestellt und die Eigenverwaltung beantragt und ist die angestrebte Sanierung nicht offensichtlich aussichtslos, so bestimmt das Insolvenzgericht auf Antrag des Schuldners eine Frist zur Vorlage eines Insolvenzplans.“

Im Umkehrschluss darf der Schuldner nicht zahlungsunfähig sein. D. h., ein Schutzschirmverfahren kommt bei einem kriselnden Unternehmen nur in Betracht, wenn die Schwelle von der drohenden Zahlungsunfähigkeit zur Zahlungsunfähigkeit nicht überschritten ist. Falls die Schwelle überschritten ist, müssen die anderen Sanierungsinstrumente der Insolvenzordnung ausgeschöpft werden; ein Planverfahren ist weiterhin möglich. Die Bestellung eines schwachen vorläufigen Verwalters kann dennoch ähnliche Schutzwirkungen entfalten wie das Schutzschirmverfahren.

Zurück zum K.O.-Kriterium Zahlungsunfähigkeit. In § 270 b Abs. 1 Satz 3 InsO heißt es:

Der Schuldner hat mit dem Antrag eine mit Gründen versehene Bescheinigung eines in Insolvenzsachen erfahrenen Steuerberaters, Wirtschaftsprüfers oder Rechtsanwalts oder einer Person mit vergleichbarer Qualifikation vorzulegen, aus der sich ergibt, dass drohende Zahlungsunfähigkeit oder Überschuldung, aber keine Zahlungsunfähigkeit vorliegt und die angestrebte Sanierung nicht offensichtlich aussichtslos ist.“

Zu den weiteren Voraussetzungen der Bescheinigung wird in der oben verlinkten Broschüre mit Muster ausgeführt. Der Bescheinigende hat u. a. im Ergebnis zu bestätigen, dass keine Zahlungsunfähigkeit vorliegt.

Das Muster, welches wegen der Beteiligung diverser Verbände vermutlich als Standardvorlage erarbeitet wurde, finde ich im Hinblick auf das „Ausschlusskriterium keine Zahlungsunfähigkeit“ (noch) unzureichend. Auszug aus Bescheinigung:

Bescheinigung

Nach meiner Auffassung reicht eine knappe Darstellung unter III. 1. nicht, um die Zulässigkeitsvoraussetzungen für das Schutzschirmverfahren hinreichend zu begründen. Die Analyse der drohenden Zahlungsunfähigkeit nach IWD PS 800 mit Finanzstatus und Finanzplan auf der Basis von gestaffelten Planungseinheiten und mehrmonatigem Planungshorizont ist mindestens als weitere Anlage beizufügen als auch eine Bestätigungserklärung, dass einem vom Gericht beauftragten Sachverständigen unverzüglich Einsicht in die Originalunterlagen zu sämtlichen Aktiva und Passiva nebst Fälligkeiten gewährt werden kann, die die Begründung unter III. 1. belegen. Nur so kann sichergestellt werden, dass die Zulässigkeitsvoraussetzungen des § 270 b InsO prüfbar sind und bei etwaigen Zweifeln das Gericht die Möglichkeit hat, einen Sachverständigen zu beauftragen, der sich zügig einen Überblick verschaffen kann, damit – ohne die Sanierung schädigende Zeitverzögerung – zum Beweisthema ausgeführt werden kann. Liegen die Zulässigkeitsvoraussetzungen vor, kann das Schutzschirmverfahren die gewollten Wirkungen entfalten.

UPDATE vom 02.03.2012:

Der Fachausschuss Sanierung und Insolvenz (FAS) des IDW führt im Entwurf IDW Standard zur Bescheinigung nach § 270 b InsO (IDW ES 9) vom 21.02.2012 (PDF) zu den Bestandteilen der Bescheinigung u. a. wie folgt aus:

IDW

Auch hiernach ist nicht vorgesehen, dass das Prüfungsergebnis zu den Zulässigkeitsvoraussetzungen, insbesondere das Nichtvorliegen der Zahlungsunfähigkeit für einen eventuell vom Gericht beauftragten Sachverständigen anhand von Originaldokumenten zügig überprüfbar ist.

Der FAS geht sogar noch weiter als das Muster unter „Handlungsempfehlungen für die neue Insolvenzordnung“ und empfiehlt im Entwurf unter Ziffer 25, dass die Aufstellung des Finanzstatus, des Finanzplans, des Überschuldungsstatus (…) in der Verantwortung der gesetzlichen Vertreter der Gesellschaft liegen. Eine Bescheinigung, die vom zum Bescheinigenden die Verantwortung der Geschäftsführung zuschreibt, dürfte nach diesseitiger Auffassung nicht den Anforderungen des § 270 b InsO genügen. Sinn und Zweck der Bescheinigung ist die Prüfung der Zulässigkeitsvoraussetzungen für das Schutzschirmverfahren vorab durch einen qualifizierten Dritten, „eines in Insolvenzsachen erfahrenen Steuerberaters, Wirtschaftsprüfers oder Rechtsanwalts oder einer Person mit vergleichbarer Qualifikation“.

Wenn das Ergebnis nebst Begründung der Bescheinigung nach § 270 b Abs. 1 Satz 3 InsO nicht selbst (1) zügig überprüfbar ist und (2) nicht im Verantwortungsbereich des Bescheinigenden liegt, ist die Bescheinigung eine Farce – für die Antragsvoraussetzung, die Inanspruchnahme eines gesetzlichen Sanierungsinstruments untauglich.

Kurzinfo: Referentenentwurf des ESUG vom 25.01.2011

Der Referentenentwurf für ein Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen (Bearbeitungsstand: 25.01.2011) findet sich als PDF hier, die Stellungnahme des Verband Insolvenzverwalter Deutschlands e.V. (VID) vom 03.02.2011 ist hier hinterlegt.

(In der vorbezeichneten Stellungnahme wird u. a. – wie von mir am 14.07.2010 hier thematisiert – vor einer zu starken Einflussnahme einzelner Großgläubiger bei der Verwalterauswahl gewarnt.)

Kritische Anmerkungen zur geplanten Insolvenzrechtsreform

Über notizen.duslaw.eu ist es gelungen, an einen Diskussionsentwurf für ein „Gesetz zur weiteren Erleichterung der Sanierung von Unternehmen“ zu gelangen. Ein paar kritische Anmerkungen:

Nach dem Diskussionsentwurf ist u.a. beabsichtigt, die Gläubiger bei der Auswahl des Verwalters über einen vorläufigen Gläubigerausschuss oder die wesentlichen Gläubiger miteinzubeziehen.

§ 56 Insolvenzordnung soll hiernach wie folgt gefasst werden (Änderungen sind kursiv):

§ 56 Bestellung des Insolvenzverwalters

(1) Zum Insolvenzverwalter ist eine für den jeweiligen Einzelfall geeignete, insbesondere geschäftskundige und von den Gläubigern und dem Schuldner unabhängige natürliche Person zu bestellen, die aus dem Kreis aller zur Übernahme von Insolvenzverwaltungen bereiten Personen auszuwählen ist. Die Bereitschaft zur Übernahme von Insolvenzverwaltungen kann auf bestimmte Verfahren beschränkt werden.

Die erforderliche Unabhängigkeit wird nicht allein dadurch ausgeschlossen, dass eine Person

1. vom Schuldner oder von einem Gläubiger vorgeschlagen worden ist, oder

2. vor dem Eröffnungsantrag für den Schuldner tätig geworden ist, ohne dabei auf die Geschäftsführung Einfluss genommen zu haben.

(2) Soweit dies nicht offensichtlich zu einer nachteiligen Veränderung der Vermögenslage des Schuldners führt, ist dem vorläufigen Gläubigerausschuss oder, sofern ein solcher nicht bestellt wurde, den wesentlichen Gläubigern vor der Bestellung des Verwalters Gelegenheit zu geben, sich zu den Anforderungen, die an den Verwalter zu stellen sind, und zur Person eines möglichen Verwalters zu äußern. Dies gilt nicht für Verbraucherinsolvenzverfahren und sonstige Kleinverfahren (Neunter Teil dieses Gesetzes) und in Fällen, in denen eine Sanierung offensichtlich aussichtslos ist.

(3) Das Gericht soll von einem solchem Vorschlag, der offensichtlich von einer Summenmehrheit der dem Gericht bekannten Gläubiger unterstützt wird, nur abweichen, wenn der Vorschlag in Widerspruch zu den Anforderungen nach Absatz 1 Satz 1 steht. Als Summenmehrheit gilt eine Mehrheit, die nach der Höhe der Forderungen und dem Wert der Absonderungsrechte berechnet ist. Eine Abweichung von einem solchen Vorschlag ist schriftlich zu begründen; die Begründung ist auf der Geschäftsstelle zur Einsicht der Beteiligten niederzulegen.

(4) Der Verwalter erhält eine Urkunde über seine Bestellung. Bei Beendigung seines Amtes hat er die Urkunde dem Insolvenzgericht zurückzugeben.“

Die Diskussionsfassung des § 56 InsO stößt bei mir auf gewisses Unbehagen. In der jetzigen Praxis wird eine übersandte Akte dem Gericht mit der Bitte um Entpflichtung stets zurückgesandt, wenn der vom Gericht Beauftragte den Unternehmer/Geschäftsführer bereits vorher beraten hat. Wenn auch selten eine echte Befangenheit vorliegen mag, kann eine vorherige Beratungstätigkeit die Unabhängigkeit des eingesetzten Sachverständigen und ggf. vorläufigen Verwalters negativ beeinträchtigen.

Die Erweiterung des Absatz 1 hebelt die bisherigen Grundsätze zur Befangenheit aus.

Sachverständige und (vorläufige) Verwalter streben nach dem jetzigen Recht  i.d.R. eine gute Zusammenarbeit mit den beteiligten Gläubigern an. Die beabsichtigte Neuregelung des § 56 InsO kann dazu führen, dass in die Auswahlentscheidung eine Gruppe von (groß-)gläubigernahen Verwaltern gelangt, die sich um Gläubiger ‚bemüht‘, um auch zukünftig mit Aufträgen versorgt zu werden. Eine Shake-Hands-Mentalität würde der neutralen Bearbeitung von Insolvenzplan- und Insolvenzverfahren etc. schaden.

Entsprechende Interessenkonflikte sehe ich bei der Einführung von Debt-Equity-Swaps (= Umwandlung von Forderungen in Eigenkapital).

An einem Debt-Equity-Swap beteiligen sich als Investoren fast nur Hedge-Fonds und Investmentbanken.“

heißt es unter dem vorbezeichneten Link.

Wenn dies so ist, dann würde gerade ein Sanierungsinstrument geschaffen werden, welches Investoren begünstigt, deren Branche allgemein nicht unbeteiligt an der Finanz- und Wirtschaftskrise war und ist. Hier wäre alternativ zu überlegen, ob das klassische Bankgeschäft nicht über eine Art Sanierungs- oder Insolvenzplankredit gefördert werden kann.

Der Zweck, die Sanierung von Unternehmen zu erhöhen, kann nur erreicht werden, wenn die eingesetzten Sanierer/Sonderverwalter/Insolvenzverwalter unabhängig bleiben. Sonst wird das Geschachere um „Fälle“ und die Spekulationen der Aktionäre/Gesellschafter inkl. der mittelbar Beteiligten zunehmen. Eine Krisenwirtschaft darf nicht entstehen!

Liquiditätsplanung für Einzelunternehmer

Liquiditätsplanung

.

Ja, Tabellen sind meistens nicht besonders interessant. Da kann ich niemanden beruhigen: Das ist auch nur ein Ausschnitt einer größeren, im Excel-Format angelegten Tabelle, welche zudem mit dem weiteren Tabellenblatt „Privatentnahme/Unternehmerlohn“ verknüpft ist. Hier können die Tabellen betrachtet werden und hier läßt sich die Excel-Datei herunterladen und mit der Freeware Open Office bearbeiten. Soviel zum Technischen.

Warum Tabellen?

Bei meiner Tätigkeit im Insolvenzbereich stelle ich regelmäßig fest, dass den betroffenen Unternehmern mit Zahlungsschwierigkeiten (meist liegt Zahlungsunfähigkeit vor) der Überblick über die betriebswirtschaftliche Situation des Einzelunternehmens, aber auch über den persönlichen Bedarf fehlt. Die Buchführung wurde von den vergangenen Monaten, manchmal auch Jahren nicht erstellt. Der letzte Steuerberater ist nicht mehr tätig; seine Rechnungen wurden nicht beglichen. Der Unternehmer  ’stopft Löcher‘, führt den Betrieb, an dem er hängt, meistens fort. Kommt es dann zu einem Gespräch mit mir, wurden von den Gläubigern häufig Vollstreckungsmaßnahmen ausgebracht und ein Gewerbeuntersagungsverfahren eingeleitet. Und es ist schwierig, den Unternehmer zu motivieren, einen heruntergewirtschafteten Betrieb sinnvoll umzustrukturien, wieder flott zu machen. Wie oft müssen Lieferanten, nicht selten der Stromlieferant, überzeugt werden, dass es weiter geht.

Mit einer Liquiditätsplanung soll sich bitte ein Unternehmer möglichst frühzeitig befassen, besonders dann, wenn die ersten fälligen Rechnungen nicht mehr bezahlt werden können. Eine Liquiditätsplanung eignet sich zudem für Existenzgründer, Restarter.

Die obige Excel-Datei ist von mir einfach gehalten. Ein Einzelunternehmer mit einem kleineren Betrieb soll sich einen Überblick über die wirtschaftliche Situation seines Betriebs verschaffen können und erkennen können, ob die betriebliche Kalkulation mit dem persönlichen Bedarf in Einklang steht.

Einzelunternehmer bekommen keinen Lohn, kein Gehalt, sondern können nur Privatentnahmen tätigen. Dieser private monatliche Bedarf, der dem Betrieb zu entnehmen ist, wird gerne als „Unternehmerlohn“ bezeichnet.

Es empfiehlt sich, zunächst das Tabellenblatt „Privatentnahme/Unternehmerlohn“ auszufüllen und sich dann der eigentlichen Liquiditätsplanung zu widmen. Sollte der Unternehmerlohn monatlich schwanken, sind die gelben Felder in der Zeile Privatentname/Unternehmerlohn ausnahmsweise zu überschreiben. Sonst bitte nur die weißen Felder ausfüllen.

Die vorliegende Kalkulation bezieht sich aus Vereinfachungsgründen auf einen Zeitraum von zwölf Monaten. Als erster Monat sollte der kommende gewählt werden. In vielen Branchen werden saisonal schwankende Umsätze erwirtschaftet, sodass durchaus unterschiedliche Erlöse und Kosten in den einzelnen Monatsspalten einzutragen sind.

Über „Liquidität fortlaufend“ lässt sich erkennen, welcher Liquiditätsüberschuss nach Abzug der erforderlichen Privatentnahmen übrig bleibt. Falls die Liquidität negativ ist, lässt sich grundsätzlich erkennen, welcher Posten – ob nun betrieblich oder privat – zu diesem Liquiditätsengpass führt. Den Rat eines Steuerberaters oder einer öffentlichen Beratungseinrichtung einzuholen, kann nur empfohlen werden.

Frühzeitig sich mit den eigenen Zahlen zu befassen, kann für die persönliche Lebenssituation und die der Familie nur von Vorteil sein. Falls die Altschulden zu sehr belasten, mag ein Insolvenzverfahren möglichweise der richtige Weg sein, um den Betrieb fortzuführen und sich zu entschulden.

Insolvenz – das Wort mit dem Negativ-Touch

insolvenz_kopie-gerd-altmann

© Gerd Altmann/PIXELIO

„Insolvenz“ das Unwort, das Wort, mit dem gerade Wahlkampf gemacht wird, das Wort, welches Ängste schürt.

Mir ist das Wort geläufig. In diesem Rechtsgebiet bin ich tätig.

Außerhalb eines Insolvenzverfahrens gibt es für Unternehmen Unterstützung, nicht für alle und nicht immer: Über den Deutschlandfonds kann Großunternehmen und dem Mittelstand geholfen werden. Die KfW-Bank macht zudem mobil. Nun werden Kreditgeschäfte, deren Kernaufgabe eigentlich bei den Banken und Sparkassen liegt, vor Ort beworben. Kleinunternehmer erfüllen regelmäßig nicht die Anspruchskriterien, fallen durchs Raster. Eine lasche Handhabung bei der Gewährung von finanziellen Hilfen aus öffentlichen Töpfen würde die Allgemeinheit belasten. Die Arcandor AG hatte die Kriterien nach den Medienberichten nicht erfüllt.

Der Insolvenzantrag der Arcandor AG am 09.06.2009 beim Amtsgericht Essen sorgte sodann für viel Aufmerksamheit in den Medien. Die Bildzeitung war schnell dabei und wusste, dass Herr Piepenburg Insolvenzverwalter werden soll. Das heute-journal war am 09.06.2009 auch nicht besser. Der mir durchaus bekannte Eingang des Amts- und Landgerichts Essen wurde gezeigt und die Nachrichtensprecherin verkündete, dass das Amtsgericht einen Generalbevollmächtigten bestellt habe. Erstaunlich, da wird monatelang von einer möglichen Insolvenz der Arcandor AG gesprochen, aber dem ZDF, einem öffentlich-rechtlichen Sender, ist es nicht möglich, grundlegende Fakten zum Insolvenzeröffnungsverfahren zu ermitteln. Herr Rechtsanwalt Görg wurde zum vorläufigen Verwalter bestellt. Die ganze Berichterstattung um Arcandor stieß mir überwiegend negativ auf.

Nein, nein, ich habe ein kleineres Büro in Dorsten und mir liegt es fern, mich bei der Bearbeitung von Großverfahren einmischen zu wollen. Aber es sei erlaubt, dass ich zu dem Umgang der Medien mit dem Thema Insolvenz etwas schreibe:

Wir befinden uns in einer Finanz- und Wirtschaftskrise. Das haben wir alle mitbekommen. Schwierige Zeiten sind angebrochen. Angst hemmt Kreativität und Optimismus. Wenn Angst noch durch eine unsachgemäße Berichterstattung geschürt wird, mögen die Medien mittelbar mit dazu beitragen, dass sich die Krise verstärkt.

Wir brauchen einerseits eine inhaltlich korrekte Darstellung über den Ablauf eines Insolvenz(plan)verfahrens und die damit verbundenen Sanierungs- und Entschuldungsmöglichkeiten, anderseits Positivmeldungen, die eine Vorbildfunktion haben, an denen man sich als Leser/Zuschauer orientieren kann. Positivbeispiele finden sich selten, z. B. hier unter wiwo.de: Bio-Limonade, Kloster Admont.

Wenn ich abends das Krisenbarometer im heute-journal sehe, welches überwiegend rot (= schlecht) abschließt, dann ärgert mich das. Es kann nicht sein, dass komplexe Wirtschaftsabläufe in einem Kreis mit roten und grünen Farben täglich zusammengefasst werden, zumal Zweifel an der Richtigkeit der Wertungen bestehen. Am 09.06.2009, am Tag der Insolvenzantragstellung bei Arcandor war das Kuchenstück, dessen Größe offenbar willkürlich gewählt wurde, rot. Warum nicht grün?

Unternehmen lassen sich über das Insolvenzverfahren sanieren. Der Bundeshaushalt wird geschont. Die bestellten (vorläufigen) Verwalter versuchen, das insolvente Unternehmen zu erhalten, strukturieren es um und retten dabei möglichst viele Arbeitsplätze. Ein Sanierungserfolg ist nicht gewährleistet, eine Arbeitsplatzgarantie hat keiner der betroffenen Arbeitnehmer. Die hätte grundsätzlich auch niemand, wenn der Staat einspringt, wenn in Millionen- oder gar Milliardenhöhe Liquiditätshilfen oder Bürgschaften gewährt werden. Was ist schlecht daran, wenn eine Sanierung über ein gesetzliches Sanierungsinstrument unternommen wird?

Momentan ist Opel mit der angedachten Verlegung des technischen Standorts nach Russland und die Arcandor-Insolvenz zum Wahlkampfthema in den Medien erstarkt. Der eine Politiker sagt dies, der andere jenes. Es nervt. Wir Leser/Zuschauer bekommen allgemeine Tendenzen in den Medien vermittelt. Die Medien kratzen an der Oberfläche, werden zum Sprachrohr der Politiker. Mit den täglich durch die Presse flatternden Meldungen zu den etwa 43.000 betroffenen Arbeitnehmern bei Arcandor lässt sich Auflage/Quote machen.

Den betroffenen Mitarbeitern hilft das nicht. Im Gegenteil, die Unsicherheiten nehmen womöglich zu. Dabei werden die Kollegen, die mit dem Großverfahren befasst sind, sicherlich ihr Bestes geben. Massekredite können bei einem Liquiditätsengpass durch Banken gewährt werden, für die sich der Bund verbürgt. Eine Staatshilfe gäbe es dann.

Abschließend noch zu den Sanierungsmöglichkeiten bei Einzelunternehmen: Für Einzelunternehmer (natürliche Personen) ist das Insolvenzverfahren häufig ebenfalls ein geeigneter Weg, um wirtschaftlich wieder auf die Beine zu kommen. Selbst Einzelunternehmer, denen ein Gewerbeuntersagungsverfahren angedroht wurde, können ihre Tätigkeit im Insolvenzverfahren weiterführen.

§ 35 InsO ermöglicht die Freigabe der Aktiva eines Betriebs durch den Verwalter schon vor der Gläubigerversammlung. In der Praxis werden daher laufend Aktiva an die „Schuldner“ freigegeben, die dann ihre Tätigkeiten ganz normal fortführen. Sie bekommen eine neue Steuernummer von der Finanzverwaltung zugewiesen und müssen ihren steuerlichen Pflichten selbst nachkommen, d.h., die Steuererklärungen fertigen und die Steuern an die Finanzverwaltung abführen. In analoger Anwendung der Pfändungsvorschriften gem. §§ 850, 850 c ZPO erfolgen Zahlungen an den Insolvenzverwalter. Der nun selbständige Unternehmer braucht sich um seine Altverbindlichkeiten nicht mehr zu sorgen, denn es darf von Gläubigerseite nicht mehr vollstreckt werden (Ausnahme: bestimmte unterhaltsrechtliche Pfändungen). Bei Stellung eines Restschuldbefeiungsantrags besteht die Chance, dass die Altschulden nach sechs Jahren ab Verfahrenseröffnung erlassen werden. Neuschulden dürfen begründet werden, um z. B. sinnvolle Investitionen im Unternehmen tätigen zu können.

Ein frühzeitiger Insolvenzantrag dürfte die Fortführungsmöglichkeiten von Unternehmen – ob groß oder klein – generell erhöhen. Das Krisenbarometer sollte grün sein oder besser noch: abgeschafft werden!

krise_chance-gerd-altmann

© Gerd Altmann/PIXELIO